| Landesverband Stotterer-Selbsthilfe Berlin e.V. |
Nicht nur die Menschen, denen die Koordination auch bei normaler Rede schon aus den Händen gleitet, sondern auch die, denen der bewusste Blick auf den alltäglichen Sprachgebrauch nicht sehr geläufig ist, verweisen auf die Tatsache, dass es sehr vielen ein gewisses Unwohlsein bereitet, gezielt für einige Zeit im Blickpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, sich produzieren zu müssen für einen bestimmten Zeitraum. Dabei stets das Thema im Auge zu behalten, das die Fäden des gesamten Beitrages zusammenhält, erfordert für sich schon ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit. Ein Sprecher wird immer dazu neigen, die gedanklichen Lücken, die ihm während des Vortrags unterlaufen, nach Möglichkeit schnell zu schließen. Da dies unter der hohen Anforderung an die eigene Orientierung nicht ganz stressfrei zu vollziehen sein wird, ist es sicherlich verständlich, dass es schwierig ist, daneben auch noch seine motorischen Abläufe korrekt zu führen.
Viele Stotterer können ein Lied davon singen, dass die Zügel einfach aus der Hand gleiten und womöglich nicht mehr wieder einzufangen sind. Ein unangenehmes Gefühl, sich, während dies geschieht, vor einem zuhörenden Publikum zu befinden. Erst zu diesem Zeitpunkt nach einem rettenden Ausweg aus der Misere zu suchen, verspricht aller Erfahrung nach wenig Erfolg. Wenn die Erfahrung der ‘heißen Platte’ jetzt eine neue ist, ist die Situation ohnehin schwer zu retten.
Warum also nicht schon vorher einmal besagte Herausforderungen üben, sich mit ihnen unter Umständen anfreunden, so dass das Reden nicht nur vor dem eigenen Spiegelbild Spaß macht? Seit über zwei Jahren schon kommt in Berlin eine kleine Gruppe - neben den sonstigen Treffen der Selbsthilfegruppe - zu im Zweiwochenabstand stattfindenden Treffen des SpeakingCircle zusammen. Neben einem kleinen Redepult, das auch in einem kleinen Rahmen für die nötige Authentizität sorgt, und einer Videokamera, die alles Erkennbare festhält, ist auch ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit erforderlich, die von den Beteiligten mitgebracht werden muss. Jeder muss voraussetzen können - und kann dies auch ‑, dass ihm aufmerksam zugehört wird. Dabei ist das angesprochene Thema des jeweiligen Redners hier nicht weiter von Bedeutung. Es kommt nicht darauf an, was gesagt wird, sondern wie es gesagt, wie es präsentiert wird, wie er/sie sich dabei fühlt, und wie wohl es jedem dabei geht. Auch eine eingespielte Runde kann mit einer gezielten Aufgabenstellung nach längerer Gewohnheitsphase noch zur Herausforderung werden. Ein großer Einsatz kann hier erfreulicherweise auch einen sehr großen Gewinn erzielen, zudem die Aufzeichnung durch das Videoband eine sehr günstige Kontrolle bietet, die von ersten erschreckenden Erlebnissen bis zu einer innerer Befriedung alles mit sich führen kann.
Der SpeakingCircle an sich hat seinen Ursprung in den USA. Ins Leben gerufen und weiterentwickelt wurde er von Lee Glickstein, der mit einem solchem Redekreis nicht nur Stotterer, sondern allgemein alle Menschen im Blick hatte, denen es schwer fällt, vor einer Gruppe zu sprechen.
Wichtig in einer solchen Runde ist der gesetzte zeitliche Rahmen. Über die festgelegte Redezeit, die für jeden aus einem dreiminütigen Einleitungs‑ und Befindlichkeitsteil und aus einem fünfminütigem Redeteil besteht, kann jeder Teilnehmer frei verfügen. Entscheidend ist, dass auch dann, wenn der Redner schweigt, der Beitrag nicht unterbrochen wird. Gerade die Stille, die dadurch entsteht, stellt besonders für Stotterer eine große Herausforderung dar. Das die Stille zwischen zwei Wörtern oder Redebeiträgen ohne Unterbrechungen erfahren werden kann (auf der Grundlage der Erlaubnis, eine Pause machen zu können oder ganz zu schweigen), ist für Stotterer, denen nichts grausamer erscheint, als die Zeit eines stummen Blocks zu erfahren, eine wichtige Erfahrung - die Erfahrung, dem Druck zu widerstehen, frei von Unterbrechungen sprechen zu müssen.
Die Art und Weise, eine Rede umzusetzen, bleibt jedem selbst überlassen. Lee Glickstein betont, dass es besonders darauf ankäme, sich der spontanen Rede zu stellen, da es weit weniger schwierig wäre, sich an einem vorgefertigten Manuskript zu orientieren. Unter Umständen können es aber auch gerade die fixierten Wörter auf dem Papier sein, die dem Redenden keine Möglichkeiten lassen, auf andere Variationen umzusteigen, und mit denen er sich so konfrontiert sieht. Man sieht, die Gestaltung lässt jedem genügend Spielraum, sich seinen individuellen Problemstellen zu widmen. Der feste und nicht zu lange Zeitrahmen sorgt zudem dafür, dass es auf kurze und prägnante Dinge ankommt und nicht auf ausufernde Litaneien.
Einem jeden der fünfminütigen Redebeiträge schließen sich Rückmeldungen der Zuhörer an, die darum bemüht sein sollten, möglichst die positiven Teile der Rede in den Vordergrund zu stellen. Hier ist nicht die vollständige Analyse des Vortrags gefragt, sondern die Feststellung, dass es selbst bei einem subjektiv als negativ empfundenen Beitrag durchaus befriedigende Aspekte zu beobachten gab. Weitere Diskussionen nach jeder Rede, die über kurze und gezielte Rückmeldungen hinausgingen, würden bei einer Teilnehmerzahl von über zehn Personen den Zeitrahmen sprengen.
Wer sich auf eine derart gebotene Gelegenheit, sich vor Publikum zu produzieren, seinen Ansprüchen entsprechend vorbereitet und dazu die Möglichkeit hat, Geschehenes zu einem späteren Zeitpunkt auf Video anzusehen, der wird feststellen, dass das Bild und der bisher gewonnene Eindruck vom eigenen Auftreten relativ schnell eine Veränderung erfahren können. Nach Glickstein sollte jeder sich seine Aufnahmen mindestens dreimal ansehen, um den Selbsthass und negative Einstellung sich selbst gegenüber zu verlieren. Dabei sollte es jedem selbst überlassen bleiben, ob er/sie sich nicht zu gegebener Zeit doch einmal eine kleine Ruhepause vor dem eigenen Ebenbild gönnt oder nicht.
Ob Stotterer oder Nichtstotterer: Was eine derartige Übungssituation nach sich ziehen wird, ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein gestärktes Kontrollgefühl über den eigenen Ausdruck und die Fähigkeit, sich besser einschätzen zu können. Als Redner ist man nicht gänzlich dem Publikum ausgeliefert, sondern bestimmt den Ablauf des Geschehens entscheidend mit und auch die Zeit, die jeweilige Vorhaben zur Realisierung erfordern.
Henning Wiechers, SHG Berlin