Landesverband Stotterer-Selbsthilfe Berlin e.V.

Warum Autosuggestion dem Stotterer helfen kann

Ich habe mich bisher noch nicht im KIESELSTEIN geäußert, weil mir noch nichts Erwähnenswertes „aus der Feder geflossen“ ist. Nun mag vielleicht der Autor Herr Hergenröther, sollte er diesen Beitrag lesen, diese Einschätzung weiterhin für richtig halten. Denn ich will versuchen, den unverdient schlechten Eindruck, den seine Glosse im Mai-Heft vermittelt, etwas Geradezurücken.

Mein erster Eindruck nach dem Lesen von „Flüstern, bis die Zunge stolpert“ war: Hier hat einer seinen Emotionen freien Lauf gelassen, ohne – was man auch vor dem Schreiben einer Glosse tun sollte – sich über das Corpus delicti ausreichend informiert zu haben. Gewiss, der Artikel zur Selbsthilfe mit Autosuggestion im Februar-Heft findet in allen Details auch nicht meinen Beifall. Er provoziert den Widerspruch schon allein dadurch (worauf wir Stotterer verständlicherweise stark emotional reagieren), dass er ein Verfahren zur Befreiung vom Stottern propagiert, das angeblich binnen Minuten zum Erfolg führt. Auch ich bin gegen solche „Wunderheiler“ äußerst allergisch. Aber der Autor Hergenröther ist in die Falle der Pauschalisierung getappt. Wer sich mit der Methode der Autosuggestion etwas auskennt, weiß, dass sie im psychischen Bereich vieler Krankheiten viel bewegen kann. Übrigens ist der deutsche Vertreter der Lehre von der Autosuggestion (in der Form des autogenen Trainings), J. H. Schultz, in unseren Breiten deutlich bekannter als sein französisches Pendant Émile Coué.

Wenn man zu den Vertretern gehört, die eine psychische Komponente beim Stottern einräumen, muss man bei der Suche nach Methoden zwangsläufig auf das autogene Training stoßen. Es gehört durchaus zum anerkannten, medizinischen Fundus im Rahmen der Psychotherapie. Mit dem autogenen Training ist es möglich, unser vegetatives Nervensystem zu beeinflussen und damit Verhaltensweisen, die weitgehend automatisch ablaufen, d.h. nicht unmittelbar vom Verstand beeinflussbar sind. Hierher gehören auch Vorstellungen, die sich im Laufe unseres Lebens aufgebaut haben, schließlich ins sog. Unterbewusstsein abgedriftet sind und von dort unsere Entscheidungen beeinflussen, die wir „aus dem Bauch heraus“ fällen.

Wie können uns diese Erkenntnisse nun bei der Verringerung der Stottersymptome helfen?
Da gibt es einiges, z.B.

  • bei der Verringerung der Sprechangst, denn sie sitzt vorrangig im Unterbewusstsein (von dort überfällt uns in stressigen Situationen die Vorstellung “Ich kann jetzt und hier nicht sprechen“; siehe auch KS 2/00, S. 22, 6. Zeile rechts),
  • bei der Erarbeitung von Selbstbewusstsein allgemein,
  • bei der Vermeidung von Verkrampfungen der am Sprechvorgang beteiligten Muskelgruppen,
  • beim „Transport“ des uns allen bekannten guten Sprechgefühls, das uns sagt „Jetzt kannst du sprechen“ (beim Sprechen ohne Zuhörer oder mit guten Freunden), in stressige Sprechsituationen (z.B. Vorstellungsgespräch, Fahrkartenkauf in einer langen Schlange u.ä.),
  • bei der Erarbeitung einer positiven Lebenseinstellung,
  • beim Abbau der negativen Sprecherfahrungen, die sich im Laufe eines Stottererlebens im Unterbewusstsein „angehäuft“ haben.

Aber, und hier gehe ich mit Herrn Hergenröther ebenfalls konform, das ist nicht im „Vorübergehen“ zu schaffen. Es setzt, wie alle Therapien, eine entsprechende Motivation voraus. Wie stark diese sein muss, zeigt die durchschnittliche Behandlungsdauer, nach der Erfolge zu verzeichnen sind: Probanden, die regelmäßig jeden Tag wenigstens einmal fünf Minuten ihr autogenes Training durchgeführt haben, erzielten im Mittel nach 2 – 2 ½ Jahren gute bis sehr gute Erfolge. Der eine ist eben talentierter als der andere. Aber, ganz wichtig:

Vor Aufnahme und während des autogenes Trainings ist erst die Konsultation und dann die Kontrolle eines Facharztes notwendig.

Beim autogenen Training werden unsere unbewusst ablaufenden Lebensfunktionen, wie Weiten und Verengen der Gefäße („Schwere“ und „Wärme“), Atmung, Herzschlag usw., beeinflusst. Aus statistischer Sicht ist die Zahl der Probanden, bei denen sich nicht die konzentrativ vorgestellten Erscheinungen einstellten, verschwindend gering, aber dies ist eben doch manchmal aufgetreten.

Jetzt werdet Ihr Euch fragen, warum ich diesen Artikel geschrieben habe und wie ich zu diesen Kenntnissen über das autogene Training gekommen bin.

Ich habe 1962 und 1964 an einer Stottertherapie im „Ambulatorium für Stimm- und Sprachgestörte“ an der Charitè in Berlin teilgenommen (Dauer: ca. sechs Wochen stationär). Die Therapie entsprach in etwa der, die heute unter dem Namen „Naturmethode“ bekannt ist. Ende der 70er Jahre habe ich einen achtwöchigen Lehrgang zum Erlernen des autogenen Trainings als Kassenpatient besucht. Anfang der 80er Jahre hat das „Ambulatorium für Stimm- und Sprachgestörte“ an der Charitè, eingebettet in die Stottertherapie (Naturmethode), das autogenen Training eingeführt (das in der Anwendung auf Stotterpatienten von Frau Dr. David, neben ihrer Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität, übernommen wurde). Ich erlernte das Verfahren zwar nur ambulant, es hatte aber einen für mich faszinierenden Einfluss. Seit über zehn Jahren in einem sprechintensiven Beruf (Planungsingenieur), erlebte ich wahre Glücksgefühle, wenn ich das ehemalige „Marterinstrument Telefon“ auf meinem Bürotisch völlig gelassen klingeln hörte oder ich auf einer Baubesprechung, manchmal vor 20 Leuten, meine fachliche Meinung einigermaßen flüssig darlegen konnte. Heute, im Alter von 59 Jahren und unter Marktbedingungen (der Markt ist eben auf dem sozialen Auge blind), kann ich zwar meinen Beruf nicht mehr ausüben und habe nach wie vor nicht alle sprachlichen Situationen im Griff, arbeite aber mit Naturmethode und autogenem Training weiter an meiner Sprechleistung, um wenigstens dort mein Vorwende-Niveau wieder zu erreichen.

Ich kann also, im Gegensatz zu Herrn Ritter, nicht von einer schnellen Methode berichten, sondern muss im Gegenteil auf eine regelmäßige und langwierige Übungszeit verweisen. Ich habe aber hoffentlich die ungerechte, „demagogische“ Verurteilung einer durchaus brauchbaren Methode durch Herrn Hergenröther einigermaßen entkräftet.

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Neben vielen positiven Ergebnissen der „Wende“ sehe ich es als eine äußerst negative Folge für uns Stotterer an, dass die Kombination „Stottertherapie mit Naturmethode und autogenem Training“ an der Charitè nicht mehr präsent ist – leider!

Gunter Boßdorf, SHG Berlin


Navigation