Landesverband Stotterer-Selbsthilfe Berlin e.V.

Theater spielen trotz Stotterns

Zusätzlich zu einigen Workshops, wie zum Beispiel dem In-vivo Training und dem Speaking Circle, wurde im Rahmen der Berliner Stotterer Selbsthilfe ein weiterer Workshop ins Leben gerufen: Theater und Sprecherziehung! Christian Finke hat im Dezember vergangenen Jahres einen Freund, den Schauspieler Martin Z. van Emmichoven, zur Gruppe mitgebracht. Beide wollten ein Theaterprojekt auf die Beine stellen, und so fragten sie, wer von uns mitmachen möchte. Es haben sich einige gemeldet, neben anderen auch ich. Und so trafen wir uns von Mitte Januar dieses Jahres an einmal wöchentlich zu Proben, die ca. drei bis vier Stunden dauerten und pro Abend aus zwei Teilen bestanden. Im ersten Teil gab es Aufwärm- und Lockerungsübungen, wie Klatschen, Stimmübungen usw. Im zweiten Teil, nach der ca. 15minütigen Pause, versuchten wir, aus eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen etwas entstehen zu lassen. Unsere Aufgabe war, uns selbst einzubringen. Es gab keine feste Rollenvorgabe, kein festes Stück, keinen roten Faden, sondern wir brachten eigene kleine Szenen und Vorträge auf die Bühne.

Anfangs probten wir im Club Integral, in dem auch unsere Gruppenabende stattfinden. Dann fanden wir in einem Jazzclub einen größeren Raum, aber da im Nebenraum fast zeitgleich eine Tanzgruppe probte und es daher ziemlich laut war, wurde dort unsere Konzentration natürlich stark beeinträchtigt. Nach einigem Hin und Her fanden wir in einem alten Fabrikgebäude einen Raum, der wie geschaffen für uns war: Es gab dort Bühne und Beleuchtung. Dort konnten wir später auch unsere Aufführungen machen.

Inzwischen kam Barbara Bircher, eine Freundin von Martin, die ebenfalls Schauspielerin ist, dazu und assistierte ihm.

Weil die Zeit langsam knapp wurde, probten wir jetzt schon mehrere Male die Woche, um es noch zu schaffen, denn wir hatten den Raum nur bis Mitte Mai zur Verfügung. Ganz toll war auch, dass niemand von uns versuchte, sich besonders hervorzuheben, sondern dass wir uns alle gut verstanden und unterstützt haben! Immerhin waren wir ja auch sechs Akteure: Martina Weinert, Christian Finke, Carsten Nitsch, Jörg Gaengel, Christian Jäger und ich.

Unsere Aufführungen kamen nun immer näher, es wurden Plakate gefertigt, die wir aushängten, wir brachten die nötigen Requisiten mit und trafen noch letzte Vorbereitungen. Dann war der Samstag da, an dem wir unsere Premiere hatten. Wir waren alle unheimlich aufgeregt. Wie würde das Publikum uns und unsere Aufführung annehmen? Noch schnell ein paar Locke­rungsübungen, dann wünschten wir uns gegenseitig Glück!

Das Publikum wurde hereingelassen, und während wir hinter dem Vorhang auf unseren Einsatz warteten, sagte Martin unser „P.S. Theater-Arbeitsausschnitt 1“ an und erwähnte dabei auch, dass fünf von sechs Leuten Stotterer seien, dass aber das Stottern dennoch nicht im Vordergrund stünde. Dann ging es los! Im Laufe der Aufführung verflog unsere Aufregung, und das Publikum, das aus ca. 50 Leuten bestand, war begeistert, was uns natürlich sehr freute!

Am Sonntag folgte dann eine weitere Aufführung, mit dem Unterschied, dass wir uns da noch ein wenig steigerten. Wir brauchten pro Abend ca. 50 Minuten für unsere Aufführungen und waren heilfroh, dass alles so hervorragend klappte! Den 13. und 14. Mai 2000 werden wir sicher so bald nicht vergessen, denn es waren für uns alle schöne Erfolgserlebnisse. Wir haben uns getraut, vor Publikum zu spielen, und haben dabei eigentlich fast gar nicht gestottert. Als wir uns Sonntagabend trennten, waren wir sehr traurig. Die Probeabende vermissen wir schon sehr, denn das Theaterprojekt hat uns großen Spaß gemacht. Wir wollen es zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen. Darauf freuen wir uns jetzt schon!

Detlev WendIer, SHG Berlin


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