| Landesverband Stotterer-Selbsthilfe Berlin e.V. |
Axel Piechotka, Berlin
Die innere Einstellung zum Stottern
Zunächst die gute Nachricht: "Stottern ist veränderbar"! Mit diesem Bericht möchte ich denen Mut machen, die stark unter Ihrem Stottern leiden und derzeit keinen Ausweg für ihr Problem sehen. Wie fühlt sich jemand, der stottert? Oft ist es eine lange Reihe von Misserfolgen, die mit dem Stottern verbunden sind. Scham und Sprechängste haben sich mit dem Stottern manifestiert. Ein negatives Selbstbild zu sich und zur Umwelt ist entstanden und die Zensur des inneren Kritikers ist oft präsent. Nicht nur das motorische Handeln, was man beim Stottern sehen kann, sondern die negativen Gefühle und die innere Einstellung, die mit dem Stottern verbunden ist, wird zum primären Problem. In der Gesellschaft wird Stottern fälschlicher Weise leider noch oft mit neurotischem Verhalten oder Dummheit in Verbindung gebracht.
Hat sich das Stottern verselbständigt, entstehen Mitbewegungen, der Blickkontakt bricht ab, der Körper reagiert und Vermeidungen von bestimmten Wörtern und Situationen, wie z.B. einem Telefonat, automatisieren sich. Selbst einfache Alltagssituationen, wie der Kauf einer Fahrkarte, können bei Stotternden Panikattacken hervorrufen, wenn auch nur über dem Fahrkartenschalter der Deutschen Bundesbahn das Wort "Expressverkauf" geschrieben steht.
"Stottern ist der Mut zum Sprechen" und so möchte ich jeden Stotternden dazu ermuntern den eigenen Weg zum flüssigeren Sprechen zu finden. Da jede Stottersymptomatik sehr individuell ist, wird es keine ultimative Methode zur Lösung des Problems geben. Eines aber werden alle Wege gemeinsam haben: "Stottern als eine andere Art des Sprechens" bei sich zu akzeptieren und somit den
selbstbewussten Umgang mit dem Stottern zu lernen. Dabei ist es wichtig, negative Gefühle in positive Gefühle zu wandeln, die mit dem Stottern verbunden sind. Auch dieser Bericht ist individuell zu sehen und nur als beispielhaft auf dem Weg zum flüssigen Sprechen zu betrachten sein.
Wie definiert man die Heilung von Stottern?
In der Therapieszene findet man immer wieder das Versprechen, das Stottern schnell und zuverlässig "wegzumachen". Stotternde mit hohem Maß an Leidensdruck und der Erfahrung mehrerer erfolgloser Therapien verfallen diesen frohlockenden Offerten leicht. Leider entsprechen diese unseriösen Angebote nicht der Realität: Es gibt keine schnelle Lösung in wenigen Tagen! Diese Therapien führen oftmals schon nach wenigen Wochen zu einem Rückfall. Die Reduzierung der Stottersymptomatik und den somit versöhnten Umgang mit dem eigenen Stottern, lernt man nicht in kurzer Zeit. Oftmals ist es ein langer beschwerlicher Weg über Monate oder Jahre, der sich aber dennoch für jeden Stotternden lohnt. Die Früchte des Erfolgs sind wahrhaft süß.
Das direkte Ziel einer Therapie sollte nicht die Verringerung der Anzahl der Stottersymptome sein. Stottersymptome sind eine schlechte Meßlatte um den Erfolg einer Therapie zu beurteilen! Die reine Stotterfreiheit ist oftmals das größte Hindernis in der Therapie. Die Kontaktfähigkeit, wie
selbstbewusst jemand stottert, wie aufgeschlossen und zugewandt der Stotternde ist, das sind Kriterien, die vielmehr als direktes Ziel angestrebt werden sollten.
Die Verringerung und Aufweichung der harten Symptomatik stellt sich als Sekundärziel automatisch ein, sobald die Angst vor dem Stottern verschwunden und die Kompetenz in der Kontaktfähigkeit gestiegen ist.
Eine Therapie wird nur erfolgreich sein, wenn eine hohe Motivation, d.h. ein starker Leidensdruck vorhanden ist. Manche Stotternde machen viele Therapien und verändern nichts. Im Krankenhaus findet man oftmals eine hohe Bereitschaft der Patienten zu persönlichen Veränderungen - Leidensdruck motiviert. Warum sind Veränderungen so schwer? Ist es das Festhalten am altvertrautem Zustand, die Angst vor der Veränderung oder drängt einen das Umfeld, die Familie oder die Arbeitskollegen wieder in das alte Verhaltensmuster zurück? Ist es ein Stück Gewohnheit, die den Veränderungsmotor bremst?
Meist sind gute Erfahrungen in der Veränderung des Stotterns die beste Motivation. Mit den kleinen Erfolgen wächst die Motivation, weiter mit dem eigenen Sprechen zu experimentieren.
Nicht vermeiden, Stottern zeigen
Mit dem Stottern manifestieren sich verschiedenste Vermeideverhalten, wie z.B. angstbehaftete Wörter mit bestimmten Konsonanten oder Vokalen, die blitzschnell durch andere Worte ersetzt werden oder der Einsatz von Füllwörtern wie "also na" oder
"ähm", um über ein befürchtetes Symptom zu hopsen. Auch bestimmte Gesprächssituationen, wie ein Einkauf, ein Telefonat oder der Kontakt zu Vorgesetzten sind Vermeidungsreaktionen.
Alle Vermeidungsverhalten bringen für den Augenblick einen Erleichterung, ebenen aber für die Zukunft den Weg in die Angst. Daher ist es besonders wichtig, diese Vermeidungen aufzudecken und sukzessive abzubauen, um den Weg aus der
Misserfolgsspirale herauszufinden.
Das schlimmste am Stottern ist die Angst davor
Oftmals blockiert die Angst zu Stottern die Kommunikation mehr, als das eigentliche Stottern. Daher ist es wichtig, negative Gefühle, die mit dem Stottern verbunden sind, in positive Erfahrungen umzuwandeln. "Wo die Angst ist, ist der Weg" heißt es, und so kann es gut sein, Dinge zu tun, die eigentlich aus Angst vermieden werden.
Eine gute Möglichkeit die Angst vor dem Stottern zu verlieren ist, Stottern willentlich zu produzieren. Somit kann man Worte, die normaler Weise flüssig gesprochen worden wären, mit Absicht stottern - Das Pseudostottern. Verschiedene Symptomatiken werden mit Absicht weich und langsam produziert:
B.....Block's sind möglich, das LLLangziehen von SSSilben sowie da-da-das lei-lei-leichte Wiederholen von
Sil-Sil-Silben.
Der Gedanke willentlich zu Stottern erzeugt zunächst unangenehme Gefühle. Warum sollte man etwas tun, das man seit Jahren verdrängt und vermeidet. Doch Pseudostottern fördert den Weg zur Akzeptanz des eigenen Stotterns. Das Stottern wird enttabuisiert und ist erlaubt. Das Unbehagen sinkt, die Gesprächspartner sind für den Stotternden wahrnehmbarer, der Blickkontakt wird möglich. Dramatische Sprechsituationen verlieren ihre angstbehaftete Bedeutung. Der Stotternde lernt auf eine spielerische Art und Weise sein Sprechen zu steuern. Dabei ist zunächst eine sehr starke Sprechkontrolle (deutliches, langsames, ruhiges Steuern) nötig, um das neue Verhalten durchzuführen. Zusätzlich erfordert es viel Mut, etwas zu tun, was man jahrelang vermieden hat. Aber "Wenn der Mut ausmarschiert, kommt ihm das Ziel entgegen"!
Auf dem Weg beim Angstabbau sind gute Vorbilder wichtig, die Pseudostottern glaubwürdig, motivierend und zugleich deutlich, weich und entspannt vorzuführen können. Der Lerneffekt bei allen neuen Sprechmustern ist ungleich größer, wenn man sich diese abschauen kann.
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Die gelungene Modifikation des Stotterns ist nur mit 100-Prozentiger Hingabe und begeisterter Bereitschaft möglich. Vereinzelte, halbherzige Versuche ersticken im Keim und führen zum Rückfall. Der Einfluß auf das Sprechen sollte klar, deutlich und genau erfolgen. Wie eine innere Einstellung zur Tat, die regelmäßig, systematisch und konsequent durchgehalten wird. Eine innere Entscheidung, als mentale Vorbereitung zum
Sprechfluß, erleichtert die Veränderung.
Ich unterscheide zwischen präventiven Sprechtechniken und dem Nichtvermeidungsansatz:
A) Präventive Sprechtechniken
Hier wird von vornherein auf flüssiges Sprechen hin gearbeitet. Auf Klang basierende Sprechtechniken wie die Hausdörfer- oder Naturmethode ermöglichen selbst schweren Stotternden eine schnelle Verflüssigung ihrer Symptomatik. Das Gefühl, wie sich ein flüssiger Satz anfühlt, kommt zurück. Vokale werden dabei klangvoll gedehnt, die Vibration ist im Körper zu spüren und die Worte schreiten wie auf einem Klangteppich dahin.
Die Verlockung des schnellen Erfolges ist groß, nur leider wird bei diesen Sprechtechniken der Umgang mit dem eigentlichen Stottern vermieden. Der Stotternde lernt nicht, sein Symptom zu variieren und aufzuweichen. In einer emotional belastenden Situation gerät er in seine alte Stottersymptomatik, weil er den Umgang mit dem eigentlichem Stottern nicht gelernt hat, der abrufbereit zur Verfügung steht. Dennoch behalten diese Methoden als ein Baustein von vielen in der Stottertherapie ihren Sinn. Sie dürfen allerdings nicht als die ultimative und ausschließliche Lösung des Stotterns angesehen werden.
B) Der Nicht-Vermeidungsansatz
In der Van-Riper-Therapie (siehe Starke) wird die Modifikation anhand des Pull-Out's gelernt. Nach einem aufgetretenen Symptom wird nach einer Wahrnehmungsphase Stück für Stück der Druck und die Spannung losgelassen, bis die Atmung und der Ton verwaschener, weicher und leiser wieder herausfließen kann. Der weiche Stimmeinsatz wirkt unterstützend, um in den Vokal zu gleiten. Mit der Auseinandersetzung dieser Technik gelingt die Identifikation mit dem Stottern besser und der Transfer in emotional belastende Situationen ist erfolgreich. Vor allem aber ist die Vorbereitung auf den Rückfall des Stotterns besser, da der Umgang mit dem Symptom gelernt wird. Van Riper schreibt in einem Brief an seine Patienten: "Das Maß für Eure Meisterschaft wird sein, wie gut ihr gelernt habt zu stottern, und nicht, wie viele Wörter ihr ohne zu stottern gesagt habt".
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Das Problem mit der Identität des flüssigen Sprechens
Zunächst wirkt das Probieren einer veränderten Sprechweise wie eine neue Rolle, in der sich der Stotternde befindet. Oft ist es sehr befremdlich in einer anderen flüssigeren Weise zu sprechen. Aufmerksamkeit ist da, man steht auf einmal im Mittelpunkt und die Umwelt registriert die neue Sprechweise und reagiert ev. überrascht.
Ein wichtiges Problem bei der Annahme des flüssigen Sprechens ist die eigene Identität des Sprechers. Viele denken, "das Flüssige, das bin ich nicht! Diese Art des Sprechens ist mir fremd und zu auffällig. Mein Gefühl paßt nicht zu der neuen Flüssigkeit".
Es dauert seine Zeit, bis die Persönlichkeit mit dem flüssigen Sprechen gewachsen ist, bis das Flüssige ein Teil des Stotternden selbst geworden ist. Regelmäßige Übungen in immer anspruchsvolleren Situationen helfen dabei, die Identität des Flüssigsprechers anzunehmen. Neben einer guten Modifikation ist daher eine gleichzeitige Stabilisierung der Persönlichkeit unbedingt empfehlenswert.
Egal, welche Sprechtechnik verwendet wird, sie sollte zum Gefühl passen. Eine kräftige, klangvolle Sprechtechnik wird nicht zu einem sensiblen Thema passen und eine lockere, gelassene, spürende Technik mit weichem Einsatz nicht zu einer wütenden Auseinandersetzung. Daher ist es wichtig mehrere Variationen des Sprechens gelernt und abrufbereit zu haben, um sie je nach Emotion passend einsetzen zu können.
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Lat. "In-Vivo" bedeutet soviel wie im richtigen oder wahren Leben. In der Eigenarbeit bei Sprechsituationen außerhalb der Therapie, fällt es schwer, das verflüssigte Sprechen dauerhaft in den Alltag zu übernehmen. Der sogenannte Transfer des veränderten Sprechens, aus dem Schonraum der Therapie in normale Alltagssituationen, wie im Büro, auf der Straße oder beim Einkaufen ist oft problematisch. Im richtigen oder wahren Leben gelten da andere Gesetze. Die Gesprächspartner reagieren komplexer, werden nicht adäquat auf den Stotternden eingehen können und erschweren damit unbewußt den Kontakt. Gefühle wie Angst und Scham treten wieder auf, das Stottern verstärkt sich und die Modifikation wird schwerer. Das neu erlernte Handwerkszeug, die sprechmotorische Sicherheit, ist noch nicht sicher genug eintrainiert. Diese Routine des flüssigen Sprechens fehlt zunächst in emotional belastenden Situationen.
Wenn man im Urlaub an einem Sommertag in Badekleidung am Strand spazieren geht, wird es kein Aufsehen erregen, man genießt die Sonne und atmet die frische Luft. Würde man mittags im Büro in Badekleidung in die Kantine gehen, löst der Gedanke daran Streß und Unbehagen aus. Es ist die selbe Handlung, die situationsbedingt unterschiedliche Emotionen auslöst. Der Rahmen heiligt in diesem Fall die Mittel und so kann es situationsbedingt schwerer fallen, eine verflüssigende Sprechtechnik erfolgreich anzuwenden.
Anhand von In-Vivo Übungen können positive Erfahrungen gesammelt werden, die Mut machen sollen. Die mit Stottern negativ besetzten Gefühle können somit in positive Gefühle gewandelt werden, um irgendwann die negativen Erfahrungen zu überdecken.
Das In-Vivo Training wird an Orten des Geschehens, wie Einkaufstraßen, Märkten oder auf Veranstaltungen durchgeführt. In Zweiergruppen (Akteur und Beobachter) begibt man sich in Sprechsituationen, in denen eine bewußte sprachliche Modifikation durchgeführt wird. Zur Vorbereitung wird die Situation genau durchgesprochen und vorgeübt. Die Übung wird entweder in Gegenwart von Dritten oder im direkten Kontakt mit einer fremden Person durchgeführt. Der Beobachter gibt nach der Übung Feedback.
Als Übungen bieten sich Pseudostottern, die Anwendung und Variation von Sprechtechniken und Körperwahrnehmung an. Da Stottern manchmal peinliche Situationen hervorruft, kann mit absichtlichen Blamagen der Mut zur Auffälligkeit trainiert werden. Diese Übungen schaffen das Selbstbewusstsein, im Alltag öfter mal couragiert ein neues Sprechverhalten zu probieren, neue Erfahrungen zu machen und diese zu festigen.
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Zur Überwindung von inneren Widerständen und zur Aufgabe von Sprechvermeidungen ist der Einsatz von Übungsplänen sinnvoll. Das Formulieren von genauen, exakten und erreichbaren Zielen motiviert für einen gesetzten Zeitraum zur Eigenarbeit. Doch Vorsicht: Eigene Überforderungen und zu hohe Ansprüche wirken kontraproduktiv. Daher ist es wichtig, sich nicht mit zu großen Zielen zu überfordern, sondern mit leichten Übungen zu einem schnellen Erfolgserlebnis zu gelangen. Zum Beispiel ein bewußtes Telefonat in einer bestimmten Sprechtechnik, drei Pseudosymptome oder ein locker gestottertes Gespräch mit einem netten Kollegen im Büro könnten die Ziele für einen Tag sein. Es hat sich bewährt, wenige Ziele über einen längeren Zeitraum von Tagen beizubehalten, um gute Erfahrungen zu festigen.
Gelungenes sollte sofort in eine Liste für "gute Erfahrungen" eingetragen werden. Das Führen einer Pluserfahrungsliste erinnert in schlechten Zeiten an die bewältigten Ziele und macht die Erfolge
bewußt.
Zur Absicherung könnte sich ein eingeweihter Partner am Abend über den Erfolg der Übungen erkundigen. Das motiviert dazu, die inneren Blockaden zu überwinden und die Übungen wirklich durchzuführen. Von Zeit zu Zeit sollte der Übungsplan auf Durchführbarkeit und die Aufnahme von neuen Herausforderungen analysiert werden.
Weitere Möglichkeiten der Eigenarbeit
Im Laufe unseres Lebens werden wir immer unflexibler, die Gewohnheit schleicht sich ein. Dennoch ist es wichtig unsere Rituale öfter mal zu verändern und neue, unbekannte Wege zu gehen. So kann es schwer fallen, auf eine andere Art und Weise zu Sprechen. Doch gerade die Flexibilität im Umschalten zwischen verschiedenartigen Sprechweisen, übt den rhetorischen Ausdruck. Die Geschwindigkeit, die Lautstärke und die Tonhöhe sind z.B. variable Parameter, die das Sprechen interessant machen! Wir werden zum Jongleur unserer Worte.
Zum Einstieg in den Tag ist es sinnvoll, ein Gefühl für das flüssige Sprechen zu erlangen. Das kann zu hause in Form von lautem Lesen oder dem Äußern von Gedanken über den Tagesablauf auf dem Weg zur Arbeit sein. Lautes "Warmsprechen" fördert die sprechmotorische Sicherheit und somit den Mut zum Sprechen.
Das Aufstellen einer Angsthierarchie zeigt, in welchen leichteren Situationen mit den Übungen begonnen werden kann und welche besser für später aufgehoben werden sollten. Es ist gut, sich täglich Veränderungschancen zuzugestehen, mehr zu Sprechen als sonst und sich Bedingungen (z.B. ruhige Orte aufsuchen) zu schaffen, um flüssig sprechen zu können.
Vermeidungen sollten wieder aufgedeckt und abgebaut werden, dazu können Ton- und Videoaufnahmen gemacht werden. Symbole, wie z.B. ein weiches Fell am Telefonhörer angeklebt, helfen, sich an das weiche Sprechen beim Telefonieren zu erinnern.
Die Durchführung eines Entspannungstrainings unterstützt die Wahrnehmung in der Phase der Veränderung. Die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen ist eine Technik, die durch den
bewussten Wechsel von An- und Entspannung in die Ruhe führt. Damit leitet sich eine Analogie zum Loslassen beim Stottern ab. Der Trainingseffekt, das "Loslassen" steuern zu lernen, wirkt sich direkt auf das Stottern aus: Der
Einfluss auf die Symptomatik wird spürbar stärker.
Die Veränderung des Stotterns ist nicht nur auf das Sprechen bezogen. Zu einer ganzheitlichen Veränderung gehört auch eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Mit der Erlangung des Sprechflusses verändert sich der Mensch, die Kontakte werden intensiver und das Umfeld nimmt die Veränderung wahr.
Zunächst ist die Akzeptanz der eigenen Person wichtig, die Nörgeleien des inneren Kritikers sollten überprüft werden. Leistungsdruck und Perfektionismus sind gesellschaftlich allgegenwärtig und verstärken das Stottern. Daher ist es wichtig, sich bewußt Fehler zu erlauben, großzügig mit sich selber zu sein und die eigenen Ansprüche zu relativieren. Jeder sollte auf seinem Weg auch seinen persönlichen Charakter finden. Es ist wichtig, die eigenen Stärken herauszuarbeiten und sich an diesen Werten zu orientieren. Dazu gehört es auch, die eigenen Bedürfnisse und Interessen herauszufinden. In welchem Bereich ist man erfolgreich, woran hat man Freude?
Jeder Mensch sollte eine Aussage über seine persönlichen Lebensziele vor Augen haben, nur so weiß man, in welche Richtung man Handeln will. Jede Tat ergibt nur einen Sinn, wenn man weiß wohin man will.
Die Kompetenz im Kontaktverhalten sollte geschärft werden. Das Wissen um nonverbale Kommunikation, Körpersprache und die Übernahme von Verantwortung in Kontakten, schafft gute Voraussetzungen für eine Begegnung. Dazu gehört es auch, Konflikte und Entscheidungen nicht aufzuschieben sondern anzugehen.
Der Rückfall kommt bestimmt! Die persönliche Entwicklung wird niemals linear verlaufen, sondern ist starken Schwankungen unterworfen. Da wir gesellschaftlich sehr stark auf Fortschritt programmiert sind, fällt es schwer einen vermeintlichen Rückschritt für sich zu akzeptieren. Um nicht von einem Rückfall überrascht zu werden, ist es gut, sich auf den Rückfall vorzubereiten, sich zum eigenen Therapeuten auszubilden, Fachmann in eigener Sache zu werden.
Die neu erlernte Sprechweise erhält sich nicht von selbst, sondern muß in regelmäßigem Training mit hoher Arbeitsintensität geübt werden, um die sprechmotorische Sicherheit auch auf schwierigere Situationen übertragen zu können. Wie ein Leistungssportler, der schwierige Bewegungsabläufe immer wieder trainieren
muß, damit diese dann noch unter Wettkampfbedingungen abrufbar sind. Dieses hohe Maß an Eigenarbeit sollte sich über mehrere Monate erstrecken. Der wirkliche Erfolg stellt sich immer erst ein paar Monate nach dem Ende der Therapie heraus.
Die Stabilisierung und der Transfer des flüssigen Sprechens ist die hohe Kunst in der Veränderung des Stotterns. Wenn zwei Sprechmuster gleich stark ausgeprägt sind, so wird die ältere Gewohnheit dominieren. Der Rückfall ist da: Sprechängste kommen wieder, Vermeidungen treten vermehrt auf, die Kraftanstrengung beim Sprechen ist spürbar und Mitbewegungen entstehen. Dennoch befindet man sich niemals vollständig auf einer früheren Stufe und beginnt ganz von vorn! Die Erfahrung der Flüssigkeit bleibt erhalten und geht nicht verloren.
In diesen Zeiten gilt es, sich zu besinnen und zu schauen, welche Arbeitsschritte aus dem Rückfall heraus führen können. Ist es die Lebenssituation, die verbessert werden sollte, braucht der Körper Ruhe und Erholung, sind die sprachlichen Ansprüche zu stark gestiegen oder fehlt einfach nur etwas sprechmotorisches Übungspotential? Nach einer ausführlichen Analyse, können konkrete Ziele für die nächste Zeit ausgearbeitet und konsequent durchgeführt werden, um das veränderte Verhalten wieder zu festigen.
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Unterstützung durch Stotterer-Selbsthilfegruppen
Die Stotterer-Selbsthilfe wurde 1970 von Wolfgang Wendlandt in Berlin gegründet. Ehemalige Klienten trafen sich zum Erfahrungsaustausch. Dabei wurde klar, dass eine Gruppe stark voneinander profitieren kann. Die Gemeinsamkeit macht stark und es tut gut zu sehen, wie jemand anderes auf weiche Art und Weise stottert. "Zwei sind mutiger als einer" und es entlastet einen, wenn man merkt "Ich bin mit meinem Stottern nicht allein auf der Welt"! Der Schritt in die Selbsthilfe ebnet den Weg aus der sozialen Isolation in den Kontakt. Für viele ist die Entscheidung mitunter schwer, den ersten Anruf zu tätigen. Manchmal liegt die Adresse wochenlang in der Schublade.
Die Stotterer-Selbsthilfe unterstützt während der Therapiephase und bei deren Nachsorge. Die Ziele der Selbsthilfe sind die Verbesserung der Kontaktfähigkeit, Sprechängste abzubauen und der persönliche Erfahrungsaustausch über den Umgang mit dem Stottern. So gelingt nach regelmäßiger Teilnahme der selbstbewusste und souveräne Umgang mit dem Stottern, die innere Einstellung zum Stottern verändert sich - Das Stottern wird entmachtet. Meist ist nicht das gestörte Sprechen das Problem, sondern wie man dem Stottern gegenüber steht.In der Selbsthilfe ist das Stottern erlaubt. Der offensive Umgang mit dem Stottern wird gefördert. Man kann seine neue Sprechweise in einem geschützten Rahmen ausprobieren. Langjährige Mitglieder sind im Laufe der Jahre zu Experten geworden und dienen als Vorbilder in der Anwendung von Sprechtechniken und können beratend tätig sein.
Die Öffentlichkeitsarbeit in der Selbsthilfeorganisation fördert die eigene Identifikation mit dem Stottern. Informationsstände, Pressearbeit, Volkshochschulkurse, Annoncen, Vorträge und Informations-veranstaltungen zum Thema Stottern geben Gelegenheit neue Übungspotentiale zu nutzen. Dabei können Vorurteile und Missverständnisse, die in der Gesellschaft zum Stottern vorhanden sind, abgebaut werden.
An den Gruppenabenden werden Themen wie Sprechtechniken, Entspannungstechniken und Therapieerfahrungsberichte besprochen. Um die eigenen rhetorischen Fähigkeiten zu stärken, können vorbereitete Kurzvorträge gehalten werden. Diese Referate werden auf Wunsch auf Video aufgezeichnet und können danach in der Gruppe ausgewertet werden. An manchen Abenden werden Zusammenfassungen von Literatur zum Thema Stottern vorgestellt oder Theaterworkshops veranstaltet, bei denen die Selbstsicherheit auf der Bühne gestärkt wird. Weiterhin veranstaltet die Selbsthilfe viele Freizeitaktivitäten, wie einen monatlichen Stammtisch, Fahrradtouren, Ausflüge und Kulturelles, die den Kontakt fördern sollen. Selbsthilfe soll halt Spaß machen!
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Dieser Bericht mag, der Vollständigkeit halber, sehr umfangreich erscheinen, doch jede Bergbesteigung erfolgt in kleinen Schritten und beginnt auch immer mit dem ersten Schritt! "Stottern behindert - aber nur beim Sprechen". Wer sein Stottern enttabuisiert, den Mut zum Sprechen findet, raus in den Kontakt geht und sagt "jetzt zeige ich mich erst recht" wird sein Stottern weitestgehend in den Griff bekommen. Auf dem Weg zum flüssigen Sprechen wünsche ich hiermit viel Erfolg!
Literatur:
Wendlandt, Wolfgang
Stottern ins Rollen bringen - Die Kiesel des Demosthenes
1. Auflage 1994, 82 Seiten
ISBN 3-921897-11-4
Schindler, Angelika
Stottern erfolgreich bewältigen - Ratgeber für Betroffene
1. Auflage 1998, 175 Seiten
ISBN 3-310-00400-7
Hood, Stephen B.
An einen Stotterer
6. Auflage 1993, 148 Seiten
ISBN 3-921897-00-9
Hennen, Erhard
Entmachtung des Stotterns
1. Auflage 1989, 208 Seiten
ISBN 3-921897-06-8
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